Produktive Unruhe – Vorschau auf das freie Musiktheater in Hamburg 2019

Freies Musiktheater Hamburg

Produktive Unruhe – Vorschau auf das freie Musiktheater in Hamburg 2019

Die geplante Fortsetzung der Reihe „Stimme X“, Uraufführungen von Benjamin van Bebbern / Leo Hofmann mit einem multinationalen Künstlerteam sowie von Frank Düwel, die fünfte Ausgabe des Festivals Hauptsache Frei – das sind nur einige Highlights des freien Musiktheaters in Hamburg im ersten Halbjahr 2019. Unsere Autorin Birgit Schmalmack hat erste Impressionen zusammengetragen.

Arbeitstitel „Retournelle“

Wie verändern sich Begriffe wie „Zuhause“ und „Heimat“ in Zeiten von globalen Migrationsbewegungen und aufkommendem Nationalismus? Könnten diese Störungen des Vertrauten auch anregend verstanden werden? Diesen Fragen wollen sich Benjamin van Bebbern und Leo Hofmann in ihrem neuen Projekt unter dem Arbeitstitel „Retournelle“ widmen. Sie beleuchten diese aktuellen Ansätze vor der Folie eines klassischen Werkes von 1640. In Monteverdis „Il ritorno d’Ulisse in patria“ formulierte sich bereits in der Renaissance die Frage nach der Stabilität des Heimatlichen: Man wartet sehnsüchtig auf die Rückkehr des alten Herrschers Odysseus. Doch während man noch auf Restabilisierung hofft, verändert sich die Heimat bereits in ihrem Innersten.

Zusammen mit einem multinationalen Künstlerteam aus zwei Tänzerinnen, einer Sängerin und einem Schauspieler wollen der Regisseur van Bebbern und der Komponist Hofmann die Möglichkeiten erkunden, wie Zustände der vermeintlichen Unordnung als produktive Unruhe und zukunftsoffene Anregung verstanden werden können. Hofmann überführt dafür die Musik der Oper in ein mobiles elektro-akustisches Setting. Innerhalb des Rahmens eines szenischen Konzertes eröffnet sich für die Künstler, die aus den USA, Israel, Deutschland, Schweiz und der Türkei kommen, mit ihren unterschiedlichen ästhetischen und kulturellen Perspektiven eine offene Interaktionsfläche. Die geplante Uraufführung ist auf Kampnagel am 10. April 2019, weitere Vorstellungen in Hamburg am 11./12./13. April und in Berlin am 27. und 28. 4. im Ballhaus Ost – demnächst mehr unter: https://benjaminvanbebber.jimdo.com/

Der Musik nachspüren bis Theater entsteht

Der Regisseur Frank Düwel nutzt für seine Musiktheaterprojekte gerne die Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum. Der Musik nachspüren bis Theater entsteht, ist sein Motto. So möchte er in seinem neuen Projekt „In den Gärten“ für eine gegenwärtige Chormusik das Spiel in den Gärten, wie es im Barock aufscheint, aufgreifen und ganz aus der Musik heraus ein szenisches Spiel von Annäherung, Erwartungen, Enttäuschungen und überraschenden Erfüllungen eröffnen.In Zusammenarbeit mit dem Komponisten Jochen Neurath, der Hamburgern aus seiner Arbeit „Lulu“ mit Christoph Marthaler von 2017 an der Staatsoper bekannt ist, und der Hochschule für Musik und Theater Hamburg wird eine Szeneriefür Chor und eine Blechbläser-Gruppe entstehen, die in öffentlichen Gärten aufgeführt wird.

Dabei kann Düwel auf einen ganz besonderen Chor zurückgreifen: den Kammerchor des Mönchsee-Gymnasiums Heilbronn, einen Jugendchor, der in der Lage ist, auch aktuelle Musik zu interpretieren. Mit seinem neuen Projekt kann er an ihre letzten gemeinsamen Arbeiten anknüpfen: Nach den Themen Verlust und Schmerz in „Gefrorene Träume“ und dem melancholischen Naturerleben bei Joseph von Eichendorff in „Stimmen der Nacht“, möchte er mit „In den Gärten“ die Liebe in ihrem Aufbruch thematisieren und so einem hellen, positiven Klang nachgehen.

In Hamburg wird dieses Projekt am 20. Juni 2019 im Warburg-Haus im Rahmen eines Doppelkonzertes aufgeführt werden. Der zeitgenössischen, neuen Musik über barocke Themen im Garten an der Alster wird Glucks Barock-Oper „Orpheus und Eurydike“ innerhalb des Warburg-Hauses gegenübergestellt. Die Themen Lust und Freude, Schmerz und Verlust werden so in Resonanz mit der besonderen Architektur des Warburg-Saales gesetzt. Eine einmalige Gelegenheit Musik in verschiedenen Räumen zu spüren und zu erleben, wie daraus Theater entsteht.  Mehr unter: http://www.norden-theater.de/Aktuell/

Hauptsache Frei!

Auch im Jahr 2019 wird das Festival „Hauptsache Frei“ die Freie Szene Hamburgs wieder sicht- und erlebbar machen. Es wird in seinem fünften Jubiläumsjahr erneut beweisen, dass fern der renommierten Häuser ästhetische und inhaltliche Alternativen gelebt werden, die neue künstlerische und gesellschaftliche Prozesse entstehen lassen und befeuern können.

„Hauptsache Frei“ ist ein spartenübergreifendes Festival der Freien Darstellenden Künste in Hamburg, das unter der Leitung von Julian Kamphausen und Susanne Schuster konzipiert wird. Über die Teilnahme entscheidet dieses Jahr eine fünfköpfige Jury, bestehend unter anderem aus Sören Ingwersen (freier Journalist, Hamburg), Charlotte Pfeifer (Jurypreis-Gewinnerin 2018) und Esther Holland-Merten (Künstlerische Leiterin des WUK Performing Arts Wien). Frei von Genregrenzen und Spartendenken vereinen sich die Disziplinen und eröffnen ungeahnte Horizonte. So konnten jedes Jahr auch anregende Ideen für neue Formen des Musiktheaters entdeckt werden. Laut Susanne Schuster werden bei der fünften Ausgabe ein bis zwei musikalische Produktionen mit dabei sein. Ende des Jahres stehen die Teilnehmer dann fest.

„Hauptsache Frei“ findet von Samstag, 06. April bis Mittwoch, 10. April 2019 an fünf verschiedenen Spielstätten in Hamburg statt. In Kürze mehr unter: http://www.hauptsachefrei.de/

Stimme X wird fortgesetzt

Die Fortsetzung von „Stimme X“ kommt noch in dieser Spielzeit! Das Stimme X-Team arbeitet an einer Fortsetzung der dritten Ausgabe der Reihe für neue Hamburger Musiktheaterprojekte. Die „Bodenstation“ wird laut Mitinitiator Hans-Jörg Kapp wieder der Lichthof sein. Es stehen erneut eine Abfolge von kleineren Arbeiten auf dem Plan, die in ca. zwanzigminütigen Kurzformaten neue experimentelle Formen ausprobieren. Man darf gespannt sein auf Hör- und Seherlebnisse der besonderen Art. In Kürze mehr unter https://www.facebook.com/StimmeX/

Die Autorin dieses Beitrags, Birgit Schmalmack, betreibt die sehr verdienstvolle Webseite hamburgtheater.de – einer der wenigen Orte, an denen regelmäßig Besprechungen aktueller Hamburger Inszenierungen zu finden sind.

Fotocredits: Bild 1 und 3: Kammerchor des Mönchsee-Gymnasiums Heilbronn „in den Gärten“, Copyright: Norden Theaterproduktion; Bild 2: Bebbern und Hofmann bei ihrem Projekt „Winterreise“ Copyright: Jeann Vogt; Bild 4: Stimme X, Copyright: Lorin Strohm

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