Die Unsicherheit genießen – Der Regisseur und Performer Benjamin van Bebber

Freies Musiktheater Hamburg

Die Unsicherheit genießen – Der Regisseur und Performer Benjamin van Bebber

Ein Porträt von Birgit Schmalmack

Die sechs Performer*innen tragen in der K1 die Klappstühle auf die Bühne, unsicher suchen sie sich einen Platz, positionieren sich wieder neu, vereinzelt, in gleich weitem Abstand zueinander. Einer von ihnen klagt: „Ein zerbrechliches Ding bin ich, aus Mensch gemacht.“ Noch spricht er die Worte, doch dann fängt er an, zarte Töne einfließen zu lassen. Sobald die anderen einsetzen, ist es, als wenn sie Klänge über das Meer senden würden, auf der Suche nach Widerhall. Durch ihren gleichzeitigen Gesang formen sie eine Gemeinschaft, die ihnen durch den Wohlklang das Gefühl spendet, aufgehoben zu sein. Noch sitzen sie aber weit entfernt voneinander, einzig die Musik verbindet sie. Ihr Gesang ermöglicht die Kommunikation untereinander und ihre Verortung im Raum. Benjamin van Bebber erlaubt einen Blick in die Proben für seine neue Arbeit „Ritournelle“, beruhend auf Monteverdis Oper „Heimkehr des Odysseus ins Vaterland“, mit der er am 10.4.19 auf Kampnagel Premiere feiert.

Bebbers Haare sind länger geworden, der Körper wirkt noch schmaler. Der 1984 Geborene nimmt wenig Raum ein, hält sich im Hintergrund, tritt stets als ein Teil seines Teams auf. Die Neugier auf Unbekanntes ist bezeichnend für seinen Regieansatz. Für seine Arbeiten sucht er sich gerne Künstler*innen, die aus anderen Professionen auf die Musik blicken. „Ritournelle“ besetzt er bewusst mit einem diversen Team, in dem die nicht professionellen Sänger*innen überwiegen. Denn Bebbers Blick auf das Musiktheater ist multiperspektivisch. Er hat Philosophie und Theater- und Musikwissenschaften studiert und ist als Performer auf der Bühne gestanden, bevor er das Studium der Musiktheaterregie in Hamburg absolviert. Für seine Inszenierungen ist er viel unterwegs; sie führen ihn unter anderem nach Berlin, Bern, Basel, Hamburg, Frankfurt oder Nairobi. Er arbeitet mit minimalistischen Mitteln und stellt stets den Menschen in den Mittelpunkt seiner Inszenierungen.

Das Team beim gemeinsamen Einsingen. Foto: Robin Hinsch

Die aktuelle Arbeit „Ritournelle“ erscheint wie ein Sinnbild für Bebbers Schaffen. Während den Proben finden die Ensemblemitglieder ihren eigenen Platz im Team und im Raum. Das Trennende zu spüren, das Gemeinsame herauszudestillieren, kurzfristiges Einverständnis zu genießen und Reibungen als Chancen begreifen. Das ist ein anstrengender, aber sehr lebendiger Prozess, welcher die Herausforderung mit sich bringt, vielleicht gar nie anzukommen.

Der international arbeitende, viel reisende Regisseur will diese Erfahrung, er sehnt sich geradezu nach ihr. Nach dem Probendurchlauf fordert das Team Bebber auf: „Sag doch noch mal drei Worte!“ Van Bebber spricht eher drei, diplomatische Sätze. Er ist niemand, der seine Meinung den Teammitgliedern vorschnell aufdrängt. Wer mit ihm arbeitet, bekommt nicht gesagt, was er zu tun hat, sondern er öffnet Räume. Wenn einer seiner Teamkolleg*innen einmal einen anderen Akzent setzen möchte als er, sagt er höchstens: „Dieser Aspekt interessiert mich im Moment nicht mehr so stark.“

Bebber experimentiert gerne mit offenem Ausgang. In der analytischen Studie „wir, wir, wir (Entwürfe)“ erkundet er die kleinsten Einheiten der musikalischen Verständigung, wie den Atem, einzelne Töne oder Tonsequenzen. In der „Winterreise“ denkt er über die Möglichkeiten eines Ankommens in einer nomadischen Lebensform nach. Für die „Abhängigkeitserklärung“ arbeitet er mit einem großen, bunt zusammengestellten Laienchor Für „Kolik“ wiederum ausschließlich mit Profi-Musiker*innen.


Bebber sucht den Austausch im Team. Foto: Robin Hinsch

Der Komponist Leo Hofmann ist fast immer dabei. Für „Ritournelle“ kommt die Musik als gesungenes Original zur Geltung, wird aber auch durch Hofmanns elektronische Bearbeitung so angereichert, dass die Wellen rauschen, der Sturm bläst oder die Töne wie Funksignale durch den Raum flirren. Unter Monteverdis Musik werden immer weitere Schichten gelegt, um die barocken Klänge so zu öffnen, dass sie zu Forschungsräumen werden können. Dabei wird die Musik zum Kommunikationsmittel, das dem Ensemble den Ausdruck von Unsicherheit, Trauer, Verlustängsten, Zukunftshoffnungen, Einsamkeit und Liebe erlaubt.

Der „Freudengesang des Odysseus“ wird zu einer Hymne auf das plötzliche eintretende Glück, das mit Fußstampfen, Klatschen und Hochreißen der Arme wie auf einem Fußballplatz gefeiert wird. Während der „Klage des Iro“ finden sich die anderen Performer*innen in einer Familienszene zusammen. Auf dem plötzlich ausgebreiteten Teppich plaudern sie zwanglos über Alltäglichkeiten, die sie viel mehr interessieren als Iros Trauer. Iro bleibt außen vor, während die anderen sich kurz zu Hause fühlen dürfen. Auch ein Spiel wie die „Reise nach Jerusalem“ wird kurzerhand mit den Klappstühlen inszeniert, während dem eine Arie gesungen wird, die immer wieder abbricht, wenn die Plätze gesucht werden sollen.

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Das Ensemble feiert den „Freudengesang des Odysseus“. Foto: Robin Hinsch

Gut eine Woche später ist der Probenprozess beendet. Die Zuschauer*innen strömen in die K1 und nehmen auf den Stühlen im Halbrund um dem Bühnenraum Platz. Zunächst scheint sich wenig geändert zu haben seit dem Probenbesuch. Der Ablauf hat nur wenige kleine Veränderungen erfahren. Und doch hat sich Entscheidendes getan: Die Künstler*innen kennen jetzt ihren Weg, auf dem sie den Augenblick erkunden dürfen. Sie können die Freiräume, die sich dabei auftun, ohne Angst betreten und so auf der gemeinsam erarbeiteten Basis improvisieren.

Die Textpassagen von Sara Ahmed, Massumi und Baduero, die nach dem letzten verklungenen Ton auf die Rückwand projiziert werden, sind wie ein Kommentar auf das Gesehene und Erlebte. „You have changed…I am not adjusted to the world… The unfolding of the bodies into the world… Yes, yes, yes life“.

Dem Zufall Raum geben. Die Unordnung erfahrbar machen. Die Bejahung zur Entfaltung von Körper und Stimmen in der Welt. Das alles beschreibt Bebbers Arbeitsansatz hervorragend. Er schafft sich mit jeder Arbeit neue Herausforderungen. Ihm geht es darum, die Unsicherheit zu genießen, um aus ihr heraus neue Erfahrungen zu generieren. Für Bebber ist die Musik nicht nur ein Mittel, um sich unabhängig von Sprachbarrieren zu verständigen, sondern er sieht in ihr das Potential in der Verhandlung über die unterschiedlichen Qualitäten der Annäherung und sucht über dieses Mittel, in ein tiefes Gespräch und in eine echte Verständigung zu kommen. Das Ringen um dieses Ankommen in der gemeinsam erschaffenen Musik, mag die Station auch noch so vorläufig sein, ist seine Motivation, der Weg dahin sein Ziel.

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