STARK NACHKLINGEND – Ein Gespräch über Tanz und Musik mit der Choreographin Victoria Hauke anläßlich der Auführungen ihres Stücks „Falling Matters“

Freies Musiktheater Hamburg

STARK NACHKLINGEND – Ein Gespräch über Tanz und Musik mit der Choreographin Victoria Hauke anläßlich der Auführungen ihres Stücks „Falling Matters“

Die Arbeiten der Hamburger Choreographin Victoria Hauke haben seit vielen Jahren ihren festen Platz in der Freien Hamburger Tanzszene. In ihren Stücken experimentiert Victoria Hauke mit nichtlinearen Stückverläufen, und sie variiert ihre Präsentationsformen stark. Ein eigenes Studio erlaubt der Künstlerin eine große Unabhängigkeit, die ihren Choreographien anzumerken ist. Typisch für Victoria Haukes choreographische Sprache ist die hohe Konzentration auf der tänzerischen Bewegung selbst. In ihrem aktuellen Stück Falling Matters, einer Zusammenarbeit mit dem Komponisten Andi Otto, das am Di. dem 22. und Mi. dem 23. Oktober 2019 im Resonanzraum im Hamburger Feldstraßenbunker zu sehen ist, fallen eine Tänzerin und zwei Tänzer unentwegt. Dadurch entsteht nach und nach ein hypnotischer Flow des Fallens, der sich auch auf den Zuschauer überträgt. Hans-Jörg Kapp von Freies-Musiktheater-Hamburg unterhält sich mit Victoria Hauke über zeitgenössische Verknüpfungen von Tanz und Musik und über ihre Zusammenarbeit mit Andi Otto.

FMT: Victoria Hauke, kann man den Vorgang des Fallens hörbar machen?

VK: Ja, kann man. Für den zeitgenössischen Tanz ist ja die Beziehung zum Boden, die bewusste Nutzung der Schwerkraft immer wieder wichtig. Ich bin ein Fan von der Erkundung von Erdung, Gewicht und dem Gegenspieler, der Leichtigkeit, inspiriert oder… mehr noch: verführt durch meine lange Praxis von Taichi und Qigong. In Falling Matters übersetzen wir diese Wirkung der Schwerkraft, das Gewicht des Körpers, in Klang. Andi Otto hat für unser Stück einen soundtechnischen Aufbau erstellt, der es erlaubt, jeden Fall hörbar zu machen und vor allem: jeden neuen Fall wieder anders hörbar zu machen.

FMT: Du schreibst in der Ankündigung zu Deinem Stück, dass ihr „Gravity Listening Sessions“ abgehalten habt. Wie kann man sich das vorstellen?

V.H.: Unser Stück ist in Form von Fall-Zyklen strukturiert, die sich in kleinen Varianten wiederholen. Bei jeder Session geht es dabei um eine andere Art und Weise, wie die Schwerkraft wirkt. Diese Zyklen haben wir Sessions genannt, um der jeweils ganz unterschiedlichen Bewegungs-Motivik der Fall-Zyklen gerecht zu werden.

FMT: Es hört sich so an, als ob die Vorbereitung eines Stücks mit einem derartig speziellen, hybriden Ansatz ein langes Nachdenken über technische Erfordernisse voraussetzt.

V.H.: Naja – tatsächlich sind wir bereits 2015 bei der Einweihung meines Studios auf diesen Ansatz gestoßen. Damals hat Andi Otto das gesamte Studio mikrofoniert. In dem Zuge dessen haben wir auch den Boden mit dem Mikrophon abgenommen. So ist die Idee des Stücks entstanden. Wichtig ist dabei auch zu erwähnen, dass Andi Otto vom Schlagzeug und vom Cello her kommt. Mit im Zentrum seiner Arbeit steht sein ganz spezielles und einzigartiges Setup für Musikperformance – das „Fello“. Es verbindet Cello und Computer zu einem Instrument. Der Bogen wird dabei als spezielles Interface benutzt und trägt verschiedene Sensoren, die Bewegung, Beschleunigung und Fingerdruck messen. Seine damit verbundene Erfahrung und Expertise fließt deutlich in Falling Matters ein.

Danach haben wir als nächsten Schritt auf Einladung des Ensemble Resonanz eine Studio-Session konzipiert. Darauf wiederum folgte ein fragmentarisches Showing in München, wo wir das Konzept erneut etwas erweitert haben. Über diese kleinen Etappen hat sich die gesamte Konzeption weiter verfestigt. Bewegung und Klang sind eben nicht zu trennen, sie werden zu einem Hybrid. Und es galt, Material zu erarbeiten, das sowohl unserem künstlerischem Interesse folgt, als auch kompositorisch für beide Medien klar zu bearbeiten ist. Und das nach zwei Minuten nicht langweilig wirkt – das war die Aufgabe, die wir zu lösen hatten.

FMT: Die wievielte gemeinsame Arbeit von Andi Otto und Dir ist euer aktuelles Stück Falling Matters?

V.H.: Da muß ich überlegen ….  2008 ….. 2009 … die Residenz in Indien … ich glaube, die zehnte.

FMT: Man hat den Eindruck, dass Du der Musik in Deinem Stück viel Raum lässt.

V.H.: Das würde ich so nicht sagen, denn es ist im Fall von Falling Matters eigentlich gar nicht möglich, Bewegung und Musik zu trennen – genau die Schnittstelle von beidem macht ja das Stück überhaupt erst aus. Grundsätzlich ist es auch so: Ich fand es niemals interessant, zu irgendeiner Musik zu tanzen nach dem Motto „ich stell mal was an und dann tanze ich“. Mir geht es immer bei der Arbeit um eine gleichberechtige Begegnung, egal, um welches Medium es sich dabei auch handelt. Es ist diese Interface-Idee, die meine Arbeiten immer schon prägt. Bei Falling Matters ging es etwa auch darum, den Resonanzraum im Feldstraßenbunker als mitklingenden Raum mit in Erscheinung treten zu lassen. Es war unsere Absicht, diesen Aufführungsraum als resonierenden Raum, in dem dieses Hybrid von Tanz-Klang stattfindet, immer mitzudenken.

FMT: Andi Otto ist ja in den Abend als Künstler am Mischpult involviert.

V.H.: Ja. Es gibt in Falling Matters eine Programmierung von Andi in Form von unglaublich fein kalibrierten Filtern, Effekten und audiotechnischen Tools. Das führt dazu, dass Andi permanent damit beschäftigt ist, die von den Tänzer*innen hergestellten Klänge zu entfalten oder im Zaum zu halten. So entstehen dabei etwa Rückkopplungen, die absolut mitgedacht werden, die er aber immer schnell in den Griff bekommen muss. 

FMT: Das hat vermutlich zur Folge dass die Tänzer*innen enorm kontrolliert tanzen müssen.

V.H.: Zumindest kann man sagen: die Klang erzeugenden Podeste sind eine Erweiterung ihrer Körper. Und ich finde gerade das Miteinander von diesen teilweise sehr vehementen Bewegungen des Fallens und der sensiblen Reaktion des Soundsystem extrem reizvoll.

FMT: Es gibt in eurem Stück ja immer wieder live gespielte Percussion. Was muss ein Instrumentalist mitbringen, um an so einem Stück partizipieren zu können?

V.H.: Der Percussionist des Stücks ist Manuel Chittka. Er arbeitet bereits lange mit Andi Otto zusammen. Sein Spiel ist davon geprägt, nicht immer gleich den ganzen Raum füllen zu wollen. Er muss sich aber auch auf die Tänzer*innen einstellen können. Es gibt beispielsweise eine Passage im Stück, die vom Atemrhythmus geleitet ist. Bei den Proben hat sich ein Fünfertakt entwickelt. Diesen Takt muss er jeden Abend wieder erneut vom Atem der Tänzer*innen abnehmen. An einer anderen Stelle fallen die Tänzer*innen mit großer Vehemenz. Darauf reagiert Manu jeden Abend intuitiv vollkommen anders. Sein Spiel ist das, was der Szene die Würze gibt.

1 comment

  1. Sabina Khan - 20. Oktober 2019 0:56

    Herzlichen Glückwunsch Victoria für ein eigenes Studio und deine Arbeit/ Aufführungen. Ganz liebe Grüße, Sabina

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